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Die Fundraising Falle, kein Job für jeden – Gastbeitrag

Die Fundraising Falle

Jedes Jahr kommt eine neue Backpacker-Generation in Neuseeland an. Meist direkt nach dem Abitur, noch etwas unsicher und voller offener Fragen im Kopf. Das Konto ist schnell eröffnet und die Steuernummer beantragt – für viele heißt es dann erst einmal: Jobsuche.

Sorgen, Ängste und Nöte nach der Ankunft

Wie viele Neuankömmlinge hatte auch ich Angst, mangels Qualifikationen keine Arbeit zu finden. In der Gastronomie waren zu meiner Ankunftszeit kaum Jobs verfügbar. Als eher zierliche Person hatte ich Angst, körperlich fordernder Arbeit auf Farmen nicht standhalten zu können. Auch wenn ich im Nachhinein weiß, dass ich mir diese Sorgen nicht hätte machen müssen.

Fundraising

Auf meiner Suche stieß ich auf einigen Backpacker-Websites dann schließlich auf Fundraising. Die ersten Anzeigen dieser Art schienen mir noch ein wenig seltsam: Gesucht wurden meist junge, motivierte, hart arbeitende und soziale Menschen aus aller Welt, die Lust auf Teamarbeit und Reisen hätten. Das Einzige was fehlte, war eine tatsächliche Jobbeschreibung – auch der Begriff „Fundraising“ fiel in diesen Anzeigen nicht. Die Menge gleichartiger unsachlicher Anzeigen spricht dafür, dass sie bei genug anderen Backpackern funktionieren. Wenn ich an die nächste Backpacker-Generation eine Warnung aussprechen kann, dann: Vertraut bitte derartigen Anzeigen nicht! Wenn es zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist es nicht wahr. Und ein Arbeitgeber, der in seiner Anzeige die zu leistende Arbeit nicht beschreibt, hat offensichtlich keine gute Arbeit zu bieten.

Bewerbung

Nach reichlichem Überlegen schickte ich in meiner Verzweiflung dann doch meinen CV an eine Firma, die im Vergleich zu anderen Unternehmen noch relativ transparent auftrat… Immerhin war mir von Anfang an bewusst, dass Fundraiser gesucht wurden. Kurz darauf hatte ich ein Vorstellungsgespräch per Skype, bei dem mir dann auch sofort der Job angeboten wurde. Ich sei eine sehr nette und offene Person mit tollen Englischkenntnissen, die sich super im Fundraising machen würde und bestimmt gut im Team arbeiten könne, blabla… Diese Komplimente gingen nach den vielen Unsicherheiten des Backpacker-Starts runter wie Öl und ich nahm den Job sofort an. Ein naiver Fehler meinerseits, der jedoch nicht wenigen anderen ebenso passiert. Erst später im Gespräch mit anderen Kollegen wurde mir bewusst, dass man jedem von uns das gleiche erzählt hatte. Erst wurde alles eingestellt, was nicht bei drei auf den Bäumen war, und dann begann das purge-ähnliche Aussortieren.

Jobzusage

Kurz nach besagter Jobzusage lernte ich meinen Chef kennen und dieser erklärte mir die Arbeit genauer: Über die Agentur würde ich für eine Wohltätigkeitsorganisation Mitglieder werben. Das hieß, bei Wind und Wetter vor Supermärkten, Einkaufszentren oder einfach nur auf der Straße zu stehen und Menschen anzusprechen. Wer tatsächlich antwortete oder gar stehen blieb, dem sollte eine Mitgliedschaft mit regelmäßiger Spende schmackhaft gemacht werden, es sollte auf der Stelle ein Vertrag mit monatlicher Einzugsermächtigung über eine vereinbarte Summe unterschrieben werden. Dass die mir damals zugeteilte Organisation existiert, daran besteht kein Zweifel – an der Seriösität der Zusammenarbeit zwischen Agentur und Organisation jedoch schon.

Niemand konnte mir sagen, welche Anteile der Gelder überhaupt an die Organisation gehen würden und die geworbenen Mitglieder hätten mit ihren Spendensummen theoretisch kaum uns Fundraiser finanzieren können. Dies erklärt auch die vielen Kundenbeschwerden, die ich in meiner Zeit im Fundraising mitbekommen musste. Immer wieder stieß ich in meinem Arbeitsalltag auf Abweisungen mit der Begründung, man habe sich schon einmal auf einen solchen Vertrag mit einer Charity eingelassen und es sei entweder mehr Geld abgebucht worden als vereinbart, oder man sei sogar seiner kompletten finanziellen Identität beraubt worden.

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Arbeitsalltag

Der Arbeitsalltag für uns Fundraiser sah – Überraschung! – ganz anders aus, als man ihn uns geschildert hatte. Versprochen hatte man uns Teamarbeit, Zusammenhalt, Reisen, gute Löhne mit Boni und bezahlte Unterkünfte. 20$ die Stunde oder mehr sollte es geben, jede Woche eine andere Stadt, tolle Kollegen und gemeinsame Unternehmungen. Heute weiß ich, dass diese Versprechen weit von der Realität entfernt sind…

Die 20$ die Stunde standen zwar als solche auf meinem Payslip – doch es wurden kaum zwei Drittel der eigentlich von mir gearbeiteten Stunden eingetragen. Die Unterkunft wurde erst ab einer gewissen Quote pro Woche geworbener Mitglieder gezahlt und für die Boni wurden Quoten erwartet, die selbst für lange erfahrene Fundraiser kaum erreichbar waren. Es wurden außerdem mehr als unangebrachte Unterkunftskosten erhoben – so kostete ich die Agentur angeblich 30$ pro Nacht, die ich auf dem Fußboden eines viel zu kleinen unbeheizten Ferienhauses in der Nebensaison schlafen musste. Unterm Strich verdiente ich nicht einmal den neuseeländischen Mindestlohn (die aktuelle Höhe des Neuseeländischen Mindestlohns kannst du hier im Blog finden).

Jede Woche eine andere Stadt

Tatsächlich arbeiteten wir jede Woche in einer anderen Stadt. Vom Reisen kann jedoch kaum die Rede sein, bei sechs Arbeitstagen die Woche und dem siebten Tag im Auto unterwegs zum nächsten Ziel war der Höhepunkt von mehreren Wochen Arbeit der Besuch eines kleinen Wasserfalls, welcher sowieso auf dem Weg lag. Die meiste Zeit wurden wir wie Nutztiere zusammengepfercht zur Arbeit oder nach Hause gefahren. Das geschah wohlgemerkt in teuren Mietwagen. Diese konnte die Agentur sich leisten, aber keine vernünftigen Löhne zahlen und auch keine Unfallversicherung. Mein Kollege musste einen verursachten Unfall komplett aus eigener Tasche bezahlen, da eine Versicherung der Agentur zu teuer und zu umständlich gewesen wäre. Dass er unversichert gefahren war, erfuhr er erst nach dem Unfall.

Arbeitsatmosphäre

Auch die angebliche Teamatmosphäre stellte sich vielmehr als das Gegenteil heraus. Erfolge wurden einander nicht gegönnt, unter dem Schutzmantel des angeblich positiven Pushens wurden Kollegen und Kolleginnen unter enormem Leistungsdruck gegeneinander ausgespielt. Wurde einem Fundraiser aufgrund zu geringer Erträge der Job gekündigt, so wurde er augenblicklich aus der Gruppe entfernt und im Anschluss totgeschwiegen. Bloß nicht negativ sein, bloß keine schlechte Stimmung machen – alles ist gut, die Welt ist schön und mit einer positiven Einstellung lässt sich alles schaffen. Diese andauernd wiederholten, geradezu mantra-artigen Beschwörungen verhinderten jegliche ehrliche Kommunikation und somit, dass sich echte Freundschaften und ein Teamgefühl bilden konnten. Die zuvor angepriesenen gemeinsamen Ausflüge fanden ganz einfach nicht statt. Angeblich stellte die Agentur einen gewissen Geldbetrag zur Verfügung, den die Teamleader für gemeinsame Aktivitäten nutzen sollten. Wohin diese Gelder wirklich geflossen sind, ist mir bis heute ein Rätsel.

Teamleiter

Die Teamleader waren eine hierarchische Instanz für sich und verhielten sich genau so, wie man es nach meinen bisherigen Schilderungen erwarten könnte. Da war zunächst einmal das kontinuierlich herablassende Verhalten gegenüber einzelner Fundraiser: Einmal zum Beispiel fragte ich unseren Teamleader am Abend vor der Weiterreise, wohin es morgen für mich gehen würde. Die Antwort war „You don’t need to know.“ Schön laut, dass es auch alle hören konnten. Ich sollte also einfach den Mund halten und am nächsten Tag in ein Auto steigen, dessen Ziel ich nicht kannte.

Hätten die Teamleader uns Fundraisern zumindest etwas beigebracht, so wäre ein derart chef-ähnliches Verhalten für mich noch akzeptabel gewesen, doch leider waren sie selbst kaum geschult. Die verschiedenen Ratschläge in der Einarbeitungszeit widersprachen sich oft sogar. Eine dadurch entstandene Situation für mich war, dass ich einen Begrüßungs-Spruch sagte, um jemanden in das Verkaufsgespräch zu verwickeln, welchen man mir so beigebracht hatte. Danach meinte dann der anwesende Teamleader, etwas dermaßen Unangemessenes könnte ich mir in Zukunft sparen. Aus derartigem Verhalten ließ sich auch schnell erkennen, unter welch massivem Druck die Teamleader standen. Selbst kaum ausgebildet mussten sie neue Fundraiser ausbilden und hatten dabei einen extremen Druck von Seiten des Managements.

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Druck, Druck, Druck

Dieser Druck wurde dann an uns Fundraiser weitergegeben. Gerade junge Frauen hatten es in der Branche nicht leicht. Einmal wurde ich am Arbeitsplatz vor den Augen eines Teamleaders verbal sexuell angegangen. In dem Moment hätte ich normalerweise defensiv reagiert, doch ich war wie gelähmt und brachte aus Angst vor einer Kündigung die Situation mit viel Selbstbeherrschung und vielen falschen Lachern hinter mich – und bekam sogar die Unterschrift. Mein Teamleader hätte dazwischengehen sollen, doch stattdessen lobte er, dass ich meinen Charme für das Sign-Up ausgespielt hätte. Als ich ihn fragte, ob ich mich das nächste Mal gegen sexistische Sprüche verteidigen dürfe, verneinte er sehr direkt. Bis zur Unterschrift solle ich mitspielen.

System zur Unterschriftengenerierung

Dieses System wurde auch auf eine rechtlich sehr heikle Ebene weitergetragen: Es wurde erwartet, dem Kunden nicht nachweisbare und somit wahrscheinlich erlogene Informationen zu vermitteln. Ich recherchierte einmal die mir von oben gegebenen Informationen über meine Charity. Über keines der angeblichen Programme ließ sich auch nur ein Satz auf der organisationseigenen Website finden. Hätte man uns bei der Arbeit gefilmt, so wären wir eventuell für Betrug strafbar gewesen. Auch diese Erkenntnis behielt ich während meiner Beschäftigung für mich, aus Angst gefeuert zu werden. Ich wurde jedoch am Arbeitsplatz vorsichtiger mit meinen Aussagen, worunter meine Sign-Up-Zahlen leideten. Dies wiederum resultierte in Quotenzielen, die mir zusätzlichen Druck machen sollten.

Fazit

Aus all diesen Erlebnissen und Faktoren erhob sich ein klar strukturiertes Hierarchiesystem. In dem der einzelne Fundraiser nicht mehr und nicht weniger war, als das Mittel zum Zweck, der Agentur Geld zu verschaffen. Natürlich ist das zunächst ein geteiltes Schicksal jedes Angestellten auf der Welt und liegt in der Natur der Sache. Das Maß an Unmenschlichkeit, Oberflächlichkeit und Druck, mit dem im Fundraising mit den Niedrigsten der Rangordnung umgegangen wird, kann allein damit jedoch nicht aufgewogen werden. Ich kündigte meine Stelle nach genau einem Monat und bereute es von der ersten Minute an nicht – eine riesige Last und extrem viel Druck fielen von mir ab. Mein persönliches Fazit ist, dass ich am besten nie im Fundraising gearbeitet hätte. Mit Sicherheit gibt es auch seriöse Unternehmen. Garantiert auch den einen oder anderen Backpacker, der dem Druck standhalten und mit dieser Arbeit tatsächlich gutes Geld verdienen kann. Diese Kombination ist nach meiner Erfahrung jedoch so unwahrscheinlich, dass es wohl doch besser Fruitpicking für mich geworden wäre.

TLDR: Geht bitte unter keinen Umständen ins Fundraising.

Solltest du Fragen haben oder ebenfalls Erfahrungen mit dieser Art Arbeit gemacht haben. Wir freuen uns auf deinen Kommentar unter diesen Artikel.

Disclaimer

Dies ist ein Gastbeitrag, der Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wieder. Die Meinungen und Aussagen sind die persönliche Meinung und daher durch die Meinungsfreiheit gedeckt.

4 Kommentare

  1. Hi, vielen Dank für diesen ausführlichen und ehrlichen Bericht! Meine Reise geht erst im November los und ich möchte eigentlich auch als Fundraiser tätig sein. Du hast vermutlich bewusst die Organisation nicht genannt, aber mich würde es dennoch interessieren, ob es sich um Oxfam handelt, um nicht das gleiche erleben zu müssen. Ein Kommentar durchs Blümchen würde schon reichen 😉 Und mich würde interessieren, ob du auch von positiven Erfahrungen anderer Leute gehört hast?

    Ich bin schon länger für Menschenrechtsorganisationen tätig und habe Politikwissenschaft studiert, weshalb es für mich natürlich interessant wäre vor allem in dem Bereich tätig zu sein.

    • Hallo und danke für den Kommentar ?
      Natürlich steht es dir frei, dich im Fundraising auszuprobieren. Als Backpacker wirst du allerdings auch mit deinen Erfahrungen leider keinen besseren Job bekommen als ich ihn hatte – einer meiner Kollegen hatte Entwicklungszusammenarbeit studiert und konnte auch nichts anderes machen. Ob es Oxfam oder eine andere Charity war, ist für meine Schilderungen und auch für deine Zukunft relativ egal. Dein Arbeitgeber ist nämlich nicht die Charity selbst, sondern im Normalfalle die Fundraising-Agentur, die wiederum von einer Charity bezahlt wird. Der ausgeübte Druck erfolgt also durch die Agentur, egal in welcher Campagne du arbeitest. Viel Spaß in Neuseeland ?

    • Hi Hannah,

      das kann und will ich aus Schutzgründen so nicht sagen. Falls du ein Angebot bekommst das zu gut klingt um wahr zu sein, dann sei einfach etwas vorsichtig.

      LG Julian

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